Was sollen wir glauben? – Die sechs Säulen des Iman

In diesem Thema wollen wir uns mit den Glaubensgrundsätzen des Islam, den so genannten sechs Säulen des Iman1 aus christlicher Sicht beschäftigen. Wir möchten uns anschauen, was die Bibel zu diesen Grundsätzen sagt.

Muhammad antwortete auf die Frage, was Glaube sei, indem er erklärte:

“Dass du glaubest
an den einzigen Gott,
an Seine himmlischen Boten,
an Seine geoffenbarten Bücher,
an Seine menschlichen Gesandten,
an den letzten Tag
und an seine Bestimmung von Gut und Böse2.”

Aus diesem Wort Muhammads leiten sich die sogenannten sechs Säulen des Iman ab, die sechs wichtigsten Glaubensinhalte des Islam.

Wir, als Jünger Jesu, wollen diese sechs Punkte, die in ihren Grundsätzen der Lehre Jesu nahe stehen, im Lichte der Worte Jesu und seiner Apostel beleuchten, und so im Gespräch mit Muslimen auf die wesentlichen Aspekte einer Beziehung zu Gott hinweisen.

Vorbemerkung: Was ist Glaube?

Bevor wir diese „sechs Säulen” im Detail betrachten, wollen wir noch kurz auf einige wesentliche Aspekte dessen hinweisen, was wir Glaube nennen.

Im alltäglichen deutschen Sprachgebrauch drückt das Wort “glauben” oft eine gewisse Unsicherheit aus. Wer glaubt, dass es morgen regnen werde, hat vielleicht eine begründete Vermutung, aber keine Gewissheit.

Ganz anders schreibt Paulus in seinem Brief an die Christengemeinde in Rom über den Glauben Abrahams:

“[…] vor dem Gott, dem er glaubte, der die Toten lebendig macht und das Nichtseiende ruft, wie wenn es da wäre; der gegen Hoffnung auf Hoffnung hin geglaubt hat, damit er ein Vater vieler Nationen werde […] Und nicht schwach im Glauben, sah er seinen eigenen, schon erstorbenen Leib an, da er fast hundert Jahre alt war, und das Absterben des Mutterleibes der Sara und zweifelte nicht durch Unglauben an der Verheißung Gottes, sondern wurde gestärkt im Glauben, weil er Gott die Ehre gab. Und er war der vollen Gewissheit, dass er, was er verheißen habe, auch zu tun vermöge. Darum ist es ihm auch zur Gerechtigkeit gerechnet worden.” (Römer 4,17-22)

Die Charakteristika des Glaubens Abrahams waren also Hoffnung auf Gott gegen allen menschlichen Augenschein, das Streben, Gott die Ehre zu geben, und die volle Gewissheit, dass Gott seine Verheißung erfüllen werde. Diese Charakteristika sind auch im Glauben der Kinder Abrahams sichtbar. Unser Glaube führt uns zum vollen Vertrauen in das Wirken des Allmächtigen.

Der Glaube, den uns Abraham vorgelebt hat, ist also das gerade Gegenteil von ungewisser Vermutung. Glaube ist volle Gewissheit, auch wenn wir den Inhalt des Glaubens nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen.

Glaube bedeutet zweierlei:

Einerseits, dass wir unser Leben ganz Gott anvertrauen und hingeben, dass nicht mehr wir die Herren in unserem Leben sind, sondern einzig und allein Gott.

Andererseits hat das zur Folge, dass wir Gott alles glauben, was er uns offenbart hat. Glaube ist nicht nur eine persönliche Beziehung, sondern hat auch einen ganz konkreten Inhalt.

Diese beiden Aspekte sind notwendigerweise untrennbar miteinander verbunden. Wir können nicht sagen, dass wir Gott glauben, wenn wir den Inhalt Seiner Offenbarung ablehnen. Andererseits ist auch die rein verstandesmäßige Übernahme von Glaubensinhalten ohne die Hingabe unseres Lebens an Gott nur tote Theologie.

“Ohne Glauben aber ist es unmöglich, [Gott] wohlzugefallen; denn wer Gott naht, muss glauben, dass er ist und denen, die ihn suchen, ein Belohner sein wird.” (Hebräer 11,6)

Doch nun zu den Hauptinhalten des Glaubens nach der islamischen Tradition:

1 Ein Gott

Der Glaube an einen einzigen Gott ist nicht nur die unumstößliche Lehre aller monotheistischen Religionen. Die Existenz eines einzigen Gottes ist für jeden ernsthaft suchenden Menschen aus seiner Schöpfung offenbar.

So schreibt auch Paulus:

“[…] weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, denn Gott hat es ihnen offenbart. Denn sein unsichtbares [Wesen], sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, wird seit der Erschaffung der Welt in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut, damit sie ohne Entschuldigung seien.” (Römer 1,19-20)

Das Grundbekenntnis des Glaubens des Volkes Israel lautete:

“Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein!” (Deuteronomium 6,4)

Jesus hat dieses Wort übernommen und er antwortete auf die Frage nach dem größten Gebot:

“Höre, Israel: Der Herr, unser Gott, ist ein Herr; und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Kraft!” (Markus 12,29-30)

Wir finden das Bekenntnis zur Einzigkeit Gottes auch immer wieder in den Schriften der Apostel.

So sprach Paulus zu den Götzendienern in Lystra:

“[…] und verkündigen euch, dass ihr euch von diesen nichtigen [Götzen] bekehren sollt zu dem lebendigen Gott, der den Himmel und die Erde und das Meer gemacht hat und alles, was in ihnen ist.” (Apostelgeschichte 14,15)

Noch einige Beispiele aus dem Neuen Testament (Indschil):

“[…] so wissen wir, dass es keinen Götzen in der Welt gibt, und dass kein Gott ist als nur einer.” (1 Korinther 8,4)

“[…] Gott aber ist nur einer.” (Galater 3,20)

“[…] der selige und alleinige Machthaber […], der König der Könige und Herr der Herren, der allein Unsterblichkeit hat und ein unzugängliches Licht bewohnt, den keiner der Menschen gesehen hat, auch nicht sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht! Amen.” (1 Timotheus 6,15-16)

Diese Beispiele zeigen klar, dass der christliche Glaube, so wie ihn Jesus und die Apostel gelehrt haben, der Glaube an einen einzigen Gott ist.

Doch wie ist es nun mit der Verehrung Jesu als Gott?

Für uns Christen ist Jesus NICHT ein Gott neben Allāh, wie man aus Sure 5 annehmen könnte:

“Und als Gott sprach: “O Jesus, Sohn Marias, warst du es, der zu den Menschen sagte: ‘Nehmt euch neben Gott mich und meine Mutter zu Göttern?'” Er sagte: “Preis sei Dir! Es steht mir nicht zu, etwas zu sagen, wozu ich kein Recht habe. Hätte ich es gesagt, dann wüsstest Du es. Du weißt, was in meinem Inneren ist, ich aber weiß nicht, was in deinem Inneren ist. Du bist der, der die unsichtbaren Dinge alle weiß.” (Sure 5: Al-Mā’ida, 116)

Vielleicht helfen folgende Worte des islamischen Gelehrten M. Hamidullah, die christliche Lehre besser zu verstehen:

Es gibt mehrere Möglichkeiten, um eine Verbindung oder eine Kommunikation des Menschen mit Gott herzustellen. Die beste wäre die Inkarnation, die aber infolge ihrer Unannehmbarkeit vom Islam verworfen wurde: es wäre für einen transzendenten Gott zu erniedrigend, Mensch zu werden, zu essen, zu trinken, von Seinen eigenen Geschöpfen gemartert und gar dem Tode zugeführt zu werden3.

Gott ist absolut und vollkommen. Wir müssen es Gott überlassen, wie Er sich uns offenbart und dürfen nicht von unserem menschlichen Empfinden, dies sei für Gott zu erniedrigend, ausgehen. Was er für das Beste zu tun hält, kann für ihn nicht unmöglich sein, tatsächlich auch zu tun. Wir sind überzeugt, dass Er in seiner Weisheit und Güte, in seiner unendlichen Liebe zu uns Menschen diesen besten Weg zu unserer Hilfe gewählt hat. Gott wurde einer von uns. Nicht ein anderer, zweiter Gott neben dem Allmächtigen, sondern der Allmächtige selbst hat sich für uns erniedrigt, um uns zu sich zu erheben. In Jesus hat Gott selbst zu uns gesprochen. Darum nennt ihn auch der Koran ein Wort von Allāh.

“Als die Engel sagten: “O Maria, Gott verkündet dir ein Wort von Ihm, dessen Name Christus Jesus, der Sohn Marias, ist; er wird angesehen sein im Diesseits und Jenseits, und einer von denen, die in die Nähe (Gottes) zugelassen werden.” (Sure 3: Āl-’Imrān, 45)

“Dies ist Jesus, der Sohn der Maria – das Wort der Wahrheit, das sie bezweifeln.” (Sure 19: Maryam, 34, Henning-Übersetzung)

Das entspricht auch dem, was Johannes, einer der engsten Vertrauten Jesu, über ihn schreibt:

“Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.” (Johannes 1,14)

Es ist uns bewusst, dass der Glaube an die Gottheit Jesu und an das dreieinige Wesen des einzigen Gottes für Muslime (und nicht nur für sie) der schwierigste und am wenigsten annehmbare Teil der christlichen Lehre ist. Diese Gedanken sollen eine Hilfe sein, auch diesen schwierigen Punkt unserer Lehre einmal unvoreingenommen zu durchdenken. Gott ist gut und will das Beste und tut es auch für uns. Wir Christen lehnen Götzendienst mit derselben Entschlossenheit ab wie alle gläubigen Muslime. Gott ist einzig und es ist unmöglich, ihm etwas oder jemanden zur Seite zu stellen. Die Menschwerdung Gottes steht nicht im Widerspruch zur Einzigartigkeit Gottes, sondern vertieft unseren Glauben an diese Einzigartigkeit. Gott zeigt uns dadurch die Größe seiner unaussprechlichen Liebe und Gnade.

2 Die himmlischen Boten

Die Existenz geschaffener personaler Geistwesen, ist eine Tatsache, die in den Heiligen Schriften des Christentums vorausgesetzt wird. Wir finden jedoch keine ausgeprägte Lehre über Engel und böse Geister, da Gott in seinem Wort unsere Aufmerksamkeit vor allem auf Ihn, den Schöpfer der sichtbaren und unsichtbaren Welt, lenken will. Wir sehen die Engel als

“[…] dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil erben sollen.” (Hebräer 1,14)

An zahlreichen Stellen sowohl des Alten (Taurat) als auch des Neuen Bundes (Indschil) erscheinen Engel als Träger der göttlichen Offenbarung. Diesen Wesen gebührt keinerlei religiöse Verehrung.

Im Buch der Offenbarung drückt das ein Engel so aus:

“[…] Ich bin dein Mitknecht und der deiner Brüder, der Propheten, und derer, welche die Worte dieses Buches bewahren. Bete Gott an!” (Offenbarung 22,9)

Die Engel als Träger der Offenbarung verlieren an Bedeutung angesichts der Tatsache, dass Gott selbst in Jesus Christus zu uns gesprochen hat. Deswegen heißt es über Jesus:

“Der ist zur Rechten Gottes, nachdem er in den Himmel gegangen ist, und Engel und Mächte und Kräfte sind ihm unterworfen.” (1 Petrus 3,22)

In den Heiligen Schriften wird auch vorausgesetzt, dass ein Teil der von Gott gut geschaffenen Geistwesen gegen ihren Schöpfer rebelliert haben und nun versuchen, Gläubige von ihrem Weg des Glaubens abzubringen. Die Heilige Schrift ermahnt uns, in diesem geistlichen Kampf auszuharren:

“Schließlich: Werdet stark im Herrn und in der Macht seiner Stärke! Zieht die ganze Waffenrüstung Gottes an, damit ihr gegen die Listen des Teufels bestehen könnt! Denn unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistigen [Mächte] der Bosheit in der Himmelswelt. Deshalb ergreift die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag widerstehen und, wenn ihr alles ausgerichtet habt, stehen [bleiben] könnt!” (Epheser 6,10-13)

Wir sollen diese Warnungen ernst nehmen. Trotzdem ist aber völlig klar, dass keiner der bösen Geister auch nur im Entferntesten so etwas wie ein Gegenspieler Gottes sein könnte.

Darum schreibt Jakobus:

“Unterwerft euch nun Gott! Widersteht aber dem Teufel! Und er wird von euch fliehen. Naht euch Gott! Und er wird sich euch nahen.” (Jakobus 4,7-8)

3 Die geoffenbarten Bücher

Gott liebt uns. Er will daher nicht, dass wir in geistlicher Finsternis dahinstolpern4 und hat seinen Willen geoffenbart. Er hat immer wieder durch Gottesmänner zu den Menschen gesprochen. Nach dem Willen Gottes sollten deren warnenden und ermunternden Worte nicht nur für ihre eigene Generation gelten, sondern für alle Menschen aller Zeiten und aller Völker aufbewahrt werden. Auf diese Weise wird das Wort Gottes, das zuerst in einer konkreten Situation zu konkreten Menschen gesprochen wurde, zur Einladung Gottes an alle Menschen, den Geboten Gottes zu folgen, und dadurch den Allmächtigen zu verherrlichen.

Darum schreibt Paulus zu seinem Mitarbeiter Timotheus:

“[…] und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die Kraft haben, dich weise zu machen zur Rettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes richtig sei, für jedes gute Werk ausgerüstet.” (2 Timotheus 3,15-17)

Die Schrift ist nicht in einem einmaligen Ereignis gesandt worden. Gott hat immer wieder zu den Menschen gesprochen. Das Volk Israel hat im Laufe seiner Geschichte als Volk Gottes die Worte gesammelt. Im Laufe der Zeit wurde daraus eine kleine Bibliothek, die Bücher, die die Juden „Tenach”5, wir Christen „Alter Bund” oder „Altes Testament” nennen. Auch im Koran gibt es Anspielungen darauf, wenn von der Taurat (was wir Fünf Bücher Mose oder Pentateuch nennen) oder vom Zabūr (den Psalmen) oder auch den Büchern verschiedener Propheten (wie zum Beispiel Jona6) die Rede ist.

Jesus kam, um die Schriften zu bestätigen und zu erfüllen. Das sagte sowohl Jesus selber:

“Meint nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen.” (Matthäus 5,17)

als auch der Koran:

“Und Wir ließen nach ihnen Jesus, den Sohn Marias, folgen, damit er bestätige, was von der Tora vor ihm vorhanden war. Und Wir ließen ihm das Evangelium zukommen, das Rechtleitung und Licht enthält und das bestätigt, was von der Tora vor ihm vorhanden war, und als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen. Die Leute des Evangeliums sollen nach dem urteilen, was Gott darin herabgesandt hat. Und diejenigen, die nicht nach dem urteilen, was Gott herabgesandt hat, das sind die Frevler.” (Sure 5: Al-Māi’da, 46-47)

Weil die Heiligen Schriften des Volkes Israel auch die Heiligen Schriften Jesu waren, akzeptieren und verehren wir Christen diese Schriften, die wir „Altes Testament” nennen auch als unsere Heiligen Schriften. Wir folgen so dem Beispiel Jesu und seiner Jünger. Wir finden in ihren Worten immer wieder Zitate aus den Heiligen Schriften Israels. Der Neue Bund, den uns Jesus gebracht hat, baut auf dem Alten Bund auf und führt ihn weiter zur Vollendung.

Auch der Koran fordert die Muslime auf, allen geoffenbarten Schriften zu glauben:

“Sprecht: Wir glauben an Gott und an das, was zu uns herabgesandt wurde, und an das, was herabgesandt wurde zu Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen, und an das, was Mose und Jesus zugekommen ist, und an das, was den (anderen) Propheten von ihrem Herrn zugekommen ist. Wir machen bei keinem von ihnen einen Unterschied. Und wir sind Ihm ergeben.” (Sure 2: Al-Baqara, 136)

Um an etwas glauben zu können, muss man es kennen. Wir möchten daher alle aufrichtigen Muslime, die nach diesen Worten des Korann zwischen den verschiedenen Propheten und deren Schriften keinen Unterschied machen wollen, dazu einladen, die Heiligen Schriften der Juden und Christen mit der selben Hochachtung zu lesen wie den Koran. Nur so sind sie wahrlich Muslime.

Aber woher können wir wissen, dass die Schriften, die wir in der heutigen Bibel finden, die selben Schriften sind, von denen der Koran spricht?

Wenn die Muslime in der zweiten Sure dazu aufgefordert werden, den Schriften der Propheten vor Muhammad zu glauben, dann setzt das voraus, dass diese Schriften zu jener Zeit (7. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung) auch tatsächlich existierten. Die Bücher, die wir Christen als „Neues Testament” bezeichnen und im Koran als Indschil bezeichnet werden, sind aber durch Handschriften aus viel früheren Zeiten bezeugt. So etwa enthält der sogenannte Papyrus 667, der aus dem zweiten Jahrhundert stammt, den größten Teil des Johannesevangeliums. Ebenso aus dem zweiten Jahrhundert8 stammt Papyrus 469 mit einem großen Teil der Briefe des Apostels Paulus. Auch für alle anderen Schriften des Neuen Testaments (Indschil) gibt es zahlreiche Handschriften aus einer Zeit lange vor dem Koran.

Hingegen ist das von manchen Muslimen sehr hoch geschätzte „Barnabasevangelium” eine Schrift aus viel späterer Zeit10. Es ist unmöglich, dass der Koran mit dem „Indschil” diese Schrift gemeint haben kann.
Da die zur Zeit der Niederschrift des Koran allgemein anerkannte Heilige Schrift der Christen dieselbe war, die sie auch heute noch ist (durch neuere Funde, die allerdings im Normalfall nur unwesentliche Änderungen betreffen, haben wir sogar noch eine bessere Textqualität als im siebten Jahrhundert), kann die oben erwähnte Anweisung des Koran nur bedeuten, dass sich jeder Muslim bemühen soll, die früher offenbarten Schriften, wie wir sie auch heute noch in der Bibel finden, kennenzulernen und zu glauben.

Jesus sagte:

“Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben.” (Johannes 6,63b)

Seine Worte sind Geist und Leben nicht nur für seine Zeitgenossen, sondern für alle, die sie hören oder lesen.

4 Die menschlichen Gesandten

Das Thema der Gesandten Gottes ist aufs Engste mit dem vorhergehenden Punkt der geoffenbarten Bücher verbunden, da die Heiligen Schriften die Worte der Gesandten enthalten.

Barnabas fasst die Offenbarungsgeschichte in seinem Brief an die Hebräer wie folgt zusammen:

“Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn11, den er zum Erben aller Dinge eingesetzt hat […]” (Hebräer 1,1-2)

Gott hat immer wieder durch die Propheten gesprochen. Sein letztes und abschließendes Wort an die Menschheit ist durch Jesus ergangen. Das ist die klare Botschaft des Indschil.

Jesus selbst sagte:

“Alles ist mir übergeben worden von meinem Vater; und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn, und der, dem der Sohn ihn offenbaren will.” (Matthäus 11,27)

Wenn Jesus alles übergeben worden ist, dann kann es keine weitere Offenbarung geben. Der Weg zu Gott führt über Jesus.

Auch der Koran bestätigt, dass Jesus der Gesalbte Gottes, der Messias ist, der von den Israeliten aufgrund der Worte der Propheten erwartet wurde:

“[…] Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das Er zu Maria hinüberbrachte, und ein Geist von Ihm. […]” (Sure 4: An-Nisā’, 171)

Seine Geburt aus der Jungfrau Maria wurde zu einem Zeichen für die ganze Welt:

“Und (erwähne) die, die ihre Scham unter Schutz stellte. Da bliesen Wir in sie von unserem Geist, und Wir machten sie und ihren Sohn zu einem Zeichen für die Weltenbewohner.” (Sure 21: Al-Ámbiyā’, 91)

Bibel und Koran bezeugen die Parallelität zwischen Adam und Jesus:

“Wahrlich, Jesus ist vor Allāh gleich Adam; Er erschuf ihn aus Erde, alsdann sprach Er zu ihm: „Sei!”, und er ward.” (Sure 3: Āl-’Imrān, 59)

Jesus und Adam wurden ohne menschlichen Vater gezeugt. Diese Parallelität weist auf die Besonderheit Jesu hin.

“So steht auch geschrieben: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele, der letzte Adam (=Jesus) zu einem lebendig machenden Geist.” (1 Korinther 15,45)

So wie mit Adam die Menschheit begonnen hat, hat mit Jesus eine neue Menschheit begonnen. Er ist die abschließende Botschaft an alle Menschen.

Muslime und Christen stimmen darin überein, dass Jesus jetzt nicht tot ist, sondern bei Gott, und dass er wiederkommen wird.

“Männer von Galiläa, was steht ihr und seht hinauf zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird so kommen, wie ihr ihn habt hingehen sehen in den Himmel.” (Apostelgeschichte 1,11)

“[…] Sondern Gott hat ihn zu sich erhoben. […]” (Sure 4: An-Nisā , 158)12

Jesus selber beanspruchte auch, der Richter der ganzen Welt zu sein:

“Denn der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohn gegeben.” (Johannes 5,22)

Auch Mohammed sprach von Jesus als gerechtem Richter über alle Menschen13.

Er, durch den Gott als letzten gesprochen hat, ist jetzt beim Vater, und er ist es, der die Welt richten wird. Seiner Botschaft kann nichts mehr hinzugefügt werden14.

5 Der letzte Tag

Der Glaube an den Tag des Gerichts für alle Menschen mit ewigem Lohn beziehungsweise ewiger Strafe ist Grundüberzeugung sowohl im Christentum als auch im Islam.

So sagte Jesus:

“Wundert euch darüber nicht, denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und hervorkommen werden: die das Gute getan haben zur Auferstehung des Lebens, die aber das Böse verübt haben zur Auferstehung des Gerichts.” (Johannes 5,28–29)

Wir verstehen Himmel und Hölle im Zusammenhang mit der Beziehung zu Gott. Himmel heißt ewige Gemeinschaft mit Gott, Hölle bedeutet ewige Trennung von unserem Schöpfer und daher auch von der Quelle unseres Glücks.

Darum heißt es in den Heiligen Schriften der Juden und Christen:

“Nach deinem Rat leitest du mich, und nachher nimmst du mich in Herrlichkeit auf. Wen habe ich im Himmel? Und außer dir habe ich an nichts Gefallen auf der Erde. Mag auch mein Leib und mein Herz vergehen – meines Herzens Fels und mein Teil ist Gott auf ewig.” (Psalm 73,24-26)

“Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.” (Johannes 17,3)

Das finden wir auch in der Offenbarung des Johannes etwas dichterisch ausgedrückt:

“Und ich sah keinen Tempel in ihr(der neuen Stadt Jerusalem), denn der Herr, Gott, der Allmächtige, ist ihr Tempel, und das Lamm (Jesus). Und die Stadt bedarf nicht der Sonne noch des Mondes, damit sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes hat sie erleuchtet, und ihre Lampe ist das Lamm.” (Offenbarung 21,22-23)

Wenn die Hölle als Feuer beziehungsweise Dunkelheit geschildert wird, soll das nicht eine Beschreibung körperlicher Qualen sein, sondern die tiefe seelische Qual der Trennung vom Schöpfer ausdrücken, der als einziger seinen Geschöpfen ewige Erfüllung zu geben vermag. Darum finden wir in der Bibel als Beschreibung der Hölle die Wendung des „draußen” Seins.

“Da wird das Weinen und das Zähneknirschen sein, wenn ihr Abraham und Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sehen werdet, euch aber draußen hinausgeworfen.” (Lukas 13,28)

“Und alles Unreine wird nicht in sie (die neue Stadt Jerusalem) hineinkommen, noch [derjenige], der Gräuel und Lüge tut, sondern nur die, welche geschrieben sind im Buch des Lebens des Lammes.” (Offenbarung 21,27)

Auf keinen Fall dürfen wir den Himmel (oder in islamischer Ausdrucksweise: das Paradies) als Ort irdischer Genüsse15 verstehen, die uns nach einem entsagungsreichen Leben auf dieser Erde geschenkt werden, oder die Hölle als eine Folterkammer16, in der Gott seine Freude daran hätte, den Menschen Schmerz zuzufügen.

Gott ist die Liebe (1 Johannes 4,8) und will das Heil aller Menschen (1 Timotheus 2,4). Nur wer sich durch eigene freie Entscheidung dieser göttlichen Liebe verweigert, wird sie nicht sehen. Und das ist die Hölle.

6 Die Bestimmung

Sowohl in der Bibel als auch im Koran gibt es Aussagen über die Allursächlichkeit Gottes. Im christlichen Bereich hat das leider zum Teil zu der schlimmen Irrlehre geführt, dass Gott den Menschen keine Entscheidungsfreiheit gibt und sie nach seinem eigenen Willen zum Himmel beziehungsweise zur Hölle vorherbestimmt. Diese Irrlehre der Prädestination17 widerspricht aber der Offenbarung Gottes ganz und gar.

Wir wollen und können hier nicht auf die innerislamischen Diskussionen zu diesem Thema eingehen, sondern die Lehre der Bibel darlegen, die einerseits Gott als den allmächtigen Herrn und Schöpfer des Universums bezeugt, andererseits aber auch seine Liebe offenbart, die uns Freiheit und Verantwortung für unser Tun schenkt.

Im Buch des Propheten Jesaja sagt Gott:

“[…] damit man erkennt vom Aufgang der Sonne und von [ihrem] Untergang her, dass es außer mir gar keinen gibt. Ich bin der HERR – und sonst keiner -, der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der Frieden wirkt und das Unheil schafft. Ich, der HERR, bin es, der das alles wirkt.” (Jesaja 45,7)

Der Zusammenhang dieses Verses zeigt, dass es hier nicht darum geht, dass Gott Böses bewirkt. Er hat Unheil geschaffen, das heißt das Volk Israel durch das babylonische Exil bestraft. Nun aber wirkt er Frieden. Er schenkt seinem Volk Freiheit aus der Gefangenschaft. Diese Worte zeigen uns aber, dass Gott wirkt. Auch wenn diese Welt voller Sünde und Bosheit ist, wirkt Gott zum Heil derer, die Ihn von ganzem Herzen suchen.

Im selben Kapitel ruft Gott alle Menschen dazu auf, sich ihm zuzuwenden:

“Wendet euch zu mir und lasst euch retten, alle ihr Enden der Erde! Denn ich bin Gott und keiner sonst.” (Jesaja 45,22)

Die Zuwendung zu Gott setzt Freiheit voraus. Gottes Wirken und menschliche Freiheit sind kein Gegensatz. Darum haben alle Boten Gottes, die sich der göttlichen Allmacht voll bewusst waren, die Menschen immer wieder zur Umkehr aufgerufen. Gerade durch die freie Hinwendung zu Gott wird Gott gepriesen und verherrlicht, nicht aber durch marionettenhaften Gehorsam, wie ihn die Vertreter der Prädestinationslehre voraussetzen. Liebe ohne Freiheit ist nicht mehr Liebe.

Unsere Liebe ist die freie Antwort auf die Liebe Gottes, die er am tiefsten in Jesus gezeigt hat.

“Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn errettet werde.” (Johannes 3,16-17)

“Hieran haben wir die Liebe erkannt, dass er für uns sein Leben hingegeben hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben hinzugeben.” (1 Johannes 3,16)

Schlusswort: Die Konsequenzen

Das letzte Zitat aus dem 1. Brief des Johannes weist uns auf die Konsequenz jedes von Gott gewirkten Glaubens aus. Glaube geht immer über die eigene persönliche religiöse Erfahrung hinaus und führt uns zur gelebten Liebe, wie sie auch im Leben der ersten Gemeinde der Jünger Jesu sichtbar war.

“Die Menge derer aber, die gläubig geworden, war ein Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, dass etwas von seiner Habe sein eigen sei, sondern es war ihnen alles gemeinsam.” (Apostelgeschichte 4,32)

Gerade das Fehlen dieser Konsequenz bei vielen, die sich Christen nennen, durch ihr Leben aber Jesus verleugnen, ist für viele Menschen ein Hindernis in der Erkenntnis der durch Jesus gesandten Offenbarung.

“Denn der Name Gottes wird euretwegen unter den Nationen gelästert.” (Römer 2,24)

Dieser Vorwurf, den Paulus den ungläubigen Juden seiner Zeit gemacht hat, trifft auch auf die Scheinchristen unserer Zeit zu.

Trotz vieler Scheinchristen ist aber Gott auch heute am Werk in allen Jüngern Jesu, die seine Worte im täglichen Gehorsam umsetzen.

Wir laden alle Muslime ein, sich nicht durch schlechte Beispiele abhalten zu lassen, sondern sich den Worten Gottes, die der Allmächtige durch die Propheten Israels und durch Jesus offenbart hat, zuzuwenden, um den Willen Gottes immer tiefer zu erkennen.

“Wie köstlich ist deine Gnade, Gott! Und Menschenkinder bergen sich in deiner Flügel Schatten; sie laben sich am Fett deines Hauses, und mit dem Strom deiner Wonnen tränkst du sie. Denn bei dir ist der Quell des Lebens; in deinem Licht sehen wir das Licht.” (Psalm 36,9-10)

“Ich bin gekommen, damit sie Leben haben, und es in Überfluss haben.” (Johannes 10,10b)


  1. “Iman” bedeutet “Glaube”. Im Unterschied zu den “fünf Säulen des Islam”, welche die Glaubenspraxis der Muslime behandeln, betreffen die “sechs Säulen des Iman” die Glaubensinhalte. 
  2. Aus der Hadith, zitiert nach M. Hamidullah, Der Islam. Geschichte, Religion, Kultur, Islamabad 1991; 76. 
  3. M. Hamidullah, Der Islam. Geschichte, Religion, Kultur, Islamabad 1991; 79-80 
  4. Vergleiche das Wort aus Psalm 119,105: Eine Leuchte für meinen Fuß ist dein Wort, ein Licht für meinen Pfad. 
  5. Tenach” ist ein Kunstwort gebildet aus den Anfangsbuchstaben der Namen der drei Hauptteile der Heiligen Schriften Israels: Thora (Gesetz), Nebiim (Propheten), Ketubim ([übrige] Schriften) 
  6. Die Sure 10 ist nach ihm benannt. 
  7. Ein Teil dieses Papyrus befindet sich in Cologny, in der Bibliothek Bodmer, mit der Bezeichnung Papyrus Bodmer II, ein anderer Teil in Dublin, in der Chester Beatty Library als Papyrus Chester Beatty, ein dritter Teil im Institut für Altertumskunde in Köln mit der Nr. 4274/4298. 
  8. Young Kyu Kim, Biblica, Vol. 69, No. 2, 1988, datiert diesen Papyrus sogar ins erste Jahrhundert. Dieser Artikel ist unter http://www.friktech.com/rel/p46.htm zu finden. 
  9. Ein Teil dieses Papyrus befindet sich in Dublin, in der Chester Beatty Library als Papyrus Chester Beatty II, ein anderer Teil in Ann Arbor, University of Michigan, Nr. 6238. 
  10. Mehr dazu: https://www.islaminstitut.de/2004/wurde-das-wahre-evangelium-christi-gefunden/. Wir verweisen auf diesen Link nur aus informativen Gründen. Es handelt sich um eine detaillierte Kritik mit umfangreichen Literaturangaben, die es jedem erlauben, sich ein eigenes Urteil zu bilden. 
  11. Der Begriff „Sohn” ist hier und an allen Stellen des Neuen Testaments, die über Jesus als Sohn sprechen, nicht im Sinne einer körperlichen Abstammung gemeint, so als ob der Allmächtige eine sexuelle Beziehung eingegangen wäre. Dieser Begriff drückt seine geistliche Nähe zu Gott aus. 
  12. Die Frage nach dem Tod Jesu am Kreuz, der in diesem Koranvers abgelehnt wird, behandeln wir hier nicht, da dadurch der Rahmen dieser Abhandlung gesprengt würde. Siehe dazu aber: http://www.christians-about-islam.info/erhoehung-jesu/ – Die Wiederkunft Jesu steht nicht ausdrücklich im Koran, ist aber Inhalt der muslimischen Überlieferung. 
  13. Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete:
    “Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Ich schwöre bei Dem, in Dessen Hand
    mein Leben ist, dass der Sohn der Maria, Allahs Segen und Heil auf ihm, alsbald zu euch als
    gerechter Schiedsrichter entsandt werden wird; sodann wird er das Kreuz brechen, das Schwein
    töten, die Schutzsteuer der freien Nicht-Muslime unter muslimischer Herrschaft abschaffen und das
    Geld wird sich so vermehren, dass keiner es wird annehmen wollen.” (Sahih Muslim 220) 
  14. Zur Frage, ob Jesus die Ankunft Mohammeds angekündigt hat, weisen wir auf die eigene Abhandlung “Wer ist der, den Jesus ankündigt?” hin. 
  15. Wir können deswegen als Christen Aussagen, wie wir sie etwa in Sure 2,25 finden, wo den Gläubigen die Huris, die Frauen des Paradieses, verheißen werden, nicht zustimmen. Jesus sagte klar: “Die aber, die für würdig gehalten werden, jener Welt teilhaftig zu sein und der Auferstehung aus den Toten, heiraten nicht noch werden sie verheiratet; denn sie können auch nicht mehr sterben, denn sie sind Engeln gleich und sind Söhne Gottes, da sie Söhne der Auferstehung sind.” (Lukas 20,35-36) 
  16. Vergleiche dazu Sure 4: An-Nisā’ , 56: „ Diejenigen, die nicht an Unsere Zeichen glauben, die werden Wir im Feuer brennen lassen: Sooft ihre Haut verbrannt ist, geben Wir ihnen eine andere Haut, damit sie die Strafe kosten. Wahrlich, Allāh ist Allmächtig, Allweise.“ Ein geistlich es Verständnis wie bei den Bibelstellen, die von einem Feuer sprechen, scheint hier nicht möglich zu sein. 
  17. Die Hauptvertreter dieser Irrlehre waren (mit unterschiedlichen Akzentuierungen) Augustinus, Luther und Calvin. 

Wahrer Islam: Wahre Hingabe

Die erste Sure des Koran spricht über das jedem Menschen von Gott ins Herz gelegte Wissen, dass er der Höchste ist, dem allein alles Lob gebührt, und beinhaltet auch eine Bitte um die Führung auf dem rechten Weg:

“Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
Der Verfügungsgewalt besitzt über den Tag des Gerichtes!
Dir dienen wir, und Dich bitten wir um Hilfe.
Führe uns den geraden Weg,
Den Weg derer, die Du begnadet hast, die nicht dem Zorn verfallen und nicht irregehen.”
(Sūrah 1: Al-Fātihah)

Jeder, der Gott von ganzem Herzen und mit einer aufrichtigen Gesinnung sucht, wird ihn finden. Wir möchten mit den in dieser Abhandlung ausgedrückten Gedanken eine Hilfestellung zur Erkenntnis des geraden Weges geben, so wie ihn Gott durch seine Propheten und durch Jesus gezeigt hat.

Wer lehrt uns den wahren Islam?

“Suchen sie sich etwa eine andere Religion als die Religion Gottes, wo Ihm ergeben ist, was in den Himmeln und auf der Erde ist, ob freiwillig oder widerwillig, und wo sie (alle) zu Ihm zurückgebracht werden? Sprich: Wir glauben an Gott und an das, was auf uns herabgesandt wurde, und an das, was herabgesandt wurde auf Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und die Stämme, und an das, was Mose und Jesus und den Propheten von ihrem Herrn zugekommen ist. Wir machen bei keinem von ihnen einen Unterschied. Und wir sind Ihm ergeben.
Wer eine andere Religion als den Islam sucht, von dem wird es nicht angenommen werden. Und im Jenseits gehört er zu den Verlierern.” (Sura 3: Al-`Imran , 83-85)

Dieser Abschnitt aus dem Koran meint mit dem Begriff “Islam” nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft, sondern Hingabe und Gottergebenheit. Es ist der Glaube, den Abraham hatte, Isaak, Jakob, Mose, die Propheten und Jesus, der Sohn der Maria. Wer sich Gott von ganzem Herzen hingeben will, folgt daher dem Beispiel Abrahams und der Propheten, dem Beispiel Jesu von Nazareth. Sie haben sich Gott ganz hingegeben und waren in diesem Sinn die wahren Muslime, die Gott Ergebenen. Durch sie hat der Allmächtige zur Welt gesprochen und seinen Willen und sein Wesen offenbart. Ihrer Hingabe zu folgen ist der wahre Islam, vollkommene Ergebenheit in den Willen des alleinzigen Gottes.

“Wir haben die Tora hinabgesandt, in der Rechtleitung und Licht enthalten sind, damit die Propheten, die gottergeben waren, für die, die Juden sind, (danach) urteilen, […]” (Sura 5: Al-Ma´ida , 44)

“Und Wir ließen nach ihnen Jesus, den Sohn Marias, folgen, damit er bestätige, was von der Tora vor ihm vorhanden war. Und Wir ließen ihm das Evangelium zukommen, das Rechtleitung und Licht enthält und das bestätigt, was von der Tora vor ihm vorhanden war, und als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen.
Die Leute des Evangeliums sollen nach dem urteilen, was Gott darin herabgesandt hat. Und diejenigen, die nicht nach dem urteilen, was Gott herabgesandt hat, das sind die Frevler.” (Sura 5: Al-Ma´ida , 46-47)

“Und als Jesus mit den deutlichen Zeichen kam, sagte er: “Ich komme zu euch mit der Weisheit, und um euch einiges von dem, worüber ihr uneins seid, deutlich zu machen. So fürchtet Gott und gehorcht mir.” (Sura 43: Az-Zuhruf , 63)

Wer sich Gott ergeben will, folgt dem Wort der Thora, der Propheten und den Worten Jesu, der die Thora bestätigte. Ein wahrer Muslim will die ganze Offenbarung Gottes kennenlernen und kommt daher an der Thora, den Propheten und dem Evangelium nicht vorbei. Er gehorcht den Worten Jesu. Nur so eröffnen sich für ihn die Leitung und das Licht des Allmächtigen, wie es auch diese Schriften selbst bezeugen:

“Eine Leuchte für meinen Fuß ist dein Wort, ein Licht für meinen Pfad.” (Psalm 119,105)

“Denn eine Leuchte ist das Gebot und die Weisung ein Licht, und ein Weg zum Leben sind Ermahnungen der Zucht.” (Sprüche 6,23)

“Jesus redete nun wieder zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.” (Johannes 8,12)

Der Koran bezeugt also einmütig mit den Schriften des Alten und des Neuen Testaments, dass wir in der Thora und im Evangelium das Licht und Weisung finden. Was kann also einen Muslim noch hindern, die ganze Offenbarung Gottes kennenzulernen und sich intensiv dem Studium der Worte der Thora und des Evangeliums zu widmen?

Was heißt Hingabe?

Zu Abraham sprach Gott:

“Ich bin Gott, der Allmächtige. Lebe vor meinem Angesicht und sei untadelig! Und ich will meinen Bund zwischen mir und dir setzen und will dich sehr, sehr mehren.” (Genesis 17,1-2)

Für Abraham bedeutete Hingabe Leben in der Gegenwart Gottes und Streben nach einem untadeligen Leben.

In der Thora finden wir folgendes Gebot:

“Höre Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein! Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein […]” (Deuteronomium 6,4-6)

Durch den Propheten Micha sprach Gott:

“Man hat dir mitgeteilt, o Mensch, was gut ist. Und was fordert der HERR von dir, als Recht zu üben und Güte zu lieben und demütig zu gehen mit deinem Gott?” (Micha 6,8)

Jesus bestätigte das Gebot der Thora, indem er es das größte Gebot nannte:

“Und es fragte einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, und versuchte ihn und sprach: Lehrer, welches ist das größte Gebot im Gesetz? Er aber sprach zu ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. Dies ist das größte und erste Gebot. Das zweite aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.” (Matthäus 22,35-40)

Das Leben Jesu war die größte Verwirklichung dieses Gebotes. Die Liebe zu Gott erfüllte ihn durch und durch. Er blieb Gott in allem treu und konnte – im Gegensatz zu allen anderen Menschen – ohne hochmütig zu sein, seinen Gegnern sagen:

“Wer von euch überführt mich einer Sünde?” (Johannes 8,46)

Jesus verwirklichte die Güte und Barmherzigkeit Gottes, was auch im Leben seiner Nachfolger sichtbar war, wie auch der Koran bezeugt:

“Dann ließen Wir nach ihnen unsere Gesandten folgen. Und Wir ließen Jesus, den Sohn Marias, folgen und ihm das Evangelium zukommen. Und Wir setzten in die Herzen derer, die ihm folgten, Mitleid und Barmherzigkeit […]” (Sure 57: Al-Hadid , 27)

Die Bibel beschreibt die Verwirklichung dieser Güte und Barmherzigkeit im Leben der Nachfolger Jesu folgendermaßen:

“Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten. […] Alle Gläubiggewordenen aber waren beisammen und hatten alles gemeinsam; und sie verkauften die Güter und die Habe und verteilten sie an alle, je nachdem einer bedürftig war: Täglich verharrten sie einmütig im Tempel und brachen zu Hause das Brot, nahmen Speise mit Jubel und Schlichtheit des Herzens, sie lobten Gott und hatten Gunst beim ganzen Volk […]” (Apostelgeschichte 2,42.44-47)

“Die Menge derer aber, die gläubig geworden, war ein Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, dass etwas von seiner Habe sein eigen sei, sondern es war ihnen alles gemeinsam.” (Apostelgeschichte 4,32)

Hingabe an Gott bedeutete für die ersten Christen auch Hingabe an die Brüder. Deswegen lebten sie in täglicher Gemeinschaft und teilten ihre Güter miteinander.

“Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, kann nicht Gott lieben, den er nicht gesehen hat. Und dieses Gebot haben wir von ihm, dass wer Gott liebt, auch seinen Bruder lieben soll.” (1 Johannes 4,20-21)

Selbst als sich das offizielle Christentum immer mehr der Welt anpasste und den Weg Jesu verließ, gab es noch treue Nachfolger Jesu, die ihrem Gott im täglichen gemeinsamen Lesen der Schrift und Gebet die Treue hielt:

“Sie sind nicht (alle) gleich. Unter den Leuten des Buches gibt es eine aufrechte Gemeinschaft. Sie verlesen die Zeichen Gottes zu (verschiedenen) Nachtzeiten, während sie sich niederwerfen.
Sie glauben an Gott und an den Jüngsten Tag. Sie gebieten das Rechte und verbieten das Verwerfliche und eilen zu den guten Dingen um die Wette. Sie gehören zu den Rechtschaffenen.” (Sure 3: Al- ´Imran 113-114)

Die “fünf Säulen” des Islam

Nach der islamischen Tradition verwirklicht sich der Islam, die Hingabe an Gott, vor allem in der Verwirklichung der “fünf Säulen”:

Ibn ‘Umar […] sagte:
Der Gesandte Allahs, […] , sagte:
“Der Islam wurde auf fünf (Tragpfeilern) gebaut:
1. dem Zeugnis, dass kein Gott da ist außer Allah, und dass Muhammad der Gesandte Allahs ist,
2. dem Verrichten des Gebets,
3. dem Entrichten der Zakah,
5. der Pilgerfahrt
und 4. dem Fasten im (Monat) Ramadan1.”

Was hat uns Gott durch Jesus zu diesen fünf Punkten verkündet, und welche Entsprechungen finden wir im Leben der ersten Christen dazu?

Zu 1. Das Bekenntnis zur Einheit und Einzigkeit Gottes ist die bleibende Grundlage der Lehre Jesu und seiner Jünger. Es gibt keinen anderen Gott außer dem einen und einzigen, der das Universum geschaffen hat, sich Abraham, Isaak und Jakob und allen Propheten geoffenbart hat und der die Menschen am Jüngsten Tage richten wird. Niemals hat ein Jünger Jesu Jesus als Gott neben Gott angenommen (wie Sure 5,116 suggeriert). Wir glauben an den

“seligen und alleinigen Machthaber, den König der Könige und Herren der Herren, der allein Unsterblichkeit hat und ein unzugängliches Licht bewohnt, den keiner der Menschen gesehen hat und auch nicht sehen kann, dem Ehre und ewige Macht gebührt.” (1 Timotheus 6,15-16)

Das Bekenntnis zur Einheit und Einzigkeit Gottes erfolgt unter Christen aber nicht durch rituelle Rezitation, sondern durch ein Leben nach seinen Geboten und durch das beständige Bemühen, andere zur Erkenntnis Gottes und zu einem Leben nach seinem Willen zu führen.

Das Bekenntnis zum Propheten Muhammad war allen Muslimen (= Gott ergebenen Menschen) von Abraham bis ins 7. Jahrhundert nach Christus hinein unbekannt, da Muhammad ja erst später kam. Seit Jesus war aber den Gläubigen klar, dass die Offenbarung Gottes in Jesus ihren abschließenden Höhepunkt erfahren hat und keine neue Offenbarung mehr zu erwarten ist.

“Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn, […]” (Hebräer 1,1-2a)

Jesus hat seinen Jüngern verheißen, dass er ihnen den Heiligen Geist senden werde:

“Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.” (Johannes 14,26)

Diese Verheißung hat Jesus an seinen Jüngern ca. 50 Tage später erfüllt. Der Heilige Geist hat die Jünger zu einem tieferen Verständnis der Worte Jesu geführt, an die er sie erinnert hat2.

Zu 2. Das Gebet ist die tägliche Grundlage des geistlichen Lebens jedes Gläubigen.

“Seid um nichts besorgt, sondern in allem sollen durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden!” (Philipper 4,6)

“[…] Mit allem Gebet und Flehen betet zu jeder Zeit im Geist und wachet hierzu in allem Anhalten und Flehen für alle Heiligen!3(Epheser 6,18)

Jesus selbst lebte aus dem Gebet. Immer wieder suchte er die Nähe seines Vaters:

“Und es geschah in diesen Tagen, dass er auf den Berg hinausging, um zu beten; und er verbrachte die Nacht im Gebet zu Gott.” (Lukas 6,12)

Seine Jünger folgten seinem Beispiel:

“Diese alle verharrten einmütig im Gebet […]” (Apostelgeschichte 1,14)

“Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten […]” (Apostelgeschichte 2,42)

Für die ersten und alle späteren Christen war das Gebet Basis und Ausdruck der bleibenden Gemeinschaft mit Gott. Geistliches Leben bedeutet Beziehung zu Gott, der uns liebt. Durch unser Gebet erwidern wir unsere Liebe zu ihm. Deswegen lässt sich dieses Gebet nicht in die starren Formen eines Rituals pressen. Liebe überwindet jedes Ritual. Das Gebet Jesu und das Gebet seiner Nachfolger ist nicht an bestimmte Formen, Orte, Zeiten und Gebetsrichtungen gebunden. Der ewige Gott umgibt uns beständig. Seine Liebe zu preisen ist Inhalt all unserer Worte und unseres ganzen Lebens.

Zu 3. Christen kennen keine Armensteuer. Das Alte Testament kannte verschiedene Regelungen für die Versorgung der Armen. So sollte etwa jedes dritte Jahr der gesamte Zehnte den Armen zur Verfügung stehen (Deuteronomium 14,28-29). Grundsätzlich galt:

“Deinem Bruder, deinem Elenden und deinem Armen in deinem Land sollst du deine Hand weit öffnen!” (Deuteronomium 15,11)

Die Gläubigen des Neuen Testaments gingen über diese Regelung noch weit hinaus. Die Liebe Gottes, die ihre Herzen erfüllte, drängte sie, ihren armen Brüdern und Schwestern nicht nur Almosen zu geben, sondern mit ihnen zu teilen:

“Alle Gläubiggewordenen aber waren beisammen und hatten alles gemeinsam; und sie verkauften die Güter und die Habe und verteilten sie an alle, je nachdem einer bedürftig war.” (Apostelgeschichte 2,44-45)

“Denn es war auch keiner bedürftig unter ihnen, denn so viele Besitzer von Äckern oder Häusern waren, verkauften sie und brachten den Preis des Verkauften und legten ihn nieder zu den Füßen der Apostel; es wurde aber jedem zugeteilt, so wie einer Bedürfnis hatte.” (Apostelgeschichte 4,34-35)

“In der jetzigen Zeit diene euer Überfluss dem Mangel jener, damit auch der Überfluss jener für euren Mangel diene, damit Gleichheit entstehe.” (2 Korinther 8,14)

Wenn daher verschiedene “christliche” Gruppen späterer Zeit den Zehnten des Alten Testaments wieder eingeführt haben, so haben sie das Niveau des Neuen Testaments verlassen. Ebenso ist auch die Zakat, so positiv sie sich auch in verschiedenen islamischen Völkern ausgewirkt haben mag, ein Rückschritt im Vergleich zum Maß der Hingabe, die wir im Neuen Testament finden. Die Hingabe des Christen wird von der Liebe geleitet und lässt sich nicht durch Prozentsätze regulieren.

Zu 4. Fasten ist im Neuen Testament nicht durch ein Gesetz geregelt. Jesus widersprach dem offen zur Schau getragenen Fasten der Pharisäer:

“Wenn ihr aber fastet, so seht nicht düster aus wie die Heuchler! Denn sie verstellen ihre Gesichter, damit sie den Menschen als Fastende erscheinen. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du nicht den Menschen als ein Fastender erscheinst, sondern deinem Vater, der im Verborgenen ist! Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.” (Matthäus 6,16-18)

Gott will unsere ganze Hingabe und Liebe, die jeden Tag, das ganze Jahr lang für Ihn und für den Dienst an den Brüdern da ist. Diese Hingabe bedeutet auch Disziplin. Der Geist des Christen steht über seinem Körper und überwindet dessen Begierden. Wir genießen unsere Speisen mit Dankbarkeit, in dem Bewusstsein, auch verzichten zu können, wenn es die uns von Gott gegebenen Aufgaben erfordern. Diese Disziplin bestimmt unser Leben unabhängig von der Tages- und Jahreszeit. Suchtgifte (wie Nikotin) haben überdies ohnehin keinen Platz im Leben des Christen.

“Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid um einen Preis erkauft worden. Verherrlicht nun Gott mit eurem Leib!” (1 Korinther 6,19-20)

Zu 5. Für die Gläubigen des Alten Testaments gab es die Vorschrift, dreimal im Jahr nach Jerusalem zu pilgern:

“Dreimal im Jahr soll alles bei dir, was männlich ist, vor dem HERRN, deinem Gott, erscheinen an der Stätte, die er erwählen wird: am Fest der ungesäuerten Brote und am Fest der Wochen und am Fest der Laubhütten. Und man soll nicht mit leeren Händen vor dem HERRN erscheinen: jeder nach dem, was seine Hand geben kann, nach dem Segen des HERRN, deines Gottes, den er dir gegeben hat.” (Deuteronomium 16,16-17)

Zur Zeit Jesu gab es zwischen den Juden und den Samaritern Streit darüber, wo denn diese Stätte sei, “die der Herr erwählen wird”. Die Juden pilgerten nach Jerusalem, für die Samariter war der Berg Garizim der Berg der Anbetung Gottes.

Jesus gab einerseits den Juden recht, ging aber dann noch weiter. Er sprach zu einer Samariterin:

“Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet […] Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater im Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten.” (Johannes 4,21-24)

Deswegen kennen Christen keinen heiligen Ort und keine heiligen Zeiten. Vielmehr ist jeder Ort und jede Zeit durch die Gegenwart des Allmächtigen geheiligt. Wir verstehen unser ganzes Leben als eine Pilgerfahrt zum himmlischen Jerusalem.

“[…] sondern ihr seid gekommen zum Berg Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem; und zu Myriaden von Engeln, einer Festversammlung; und zu der Gemeinde der Erstgeborenen, die in den Himmeln angeschrieben sind; und zu Gott, dem Richter aller; und zu den Geistern der vollendeten Gerechten […]” (Hebräer 12,22-23)

Mehr zum Ort der Anbetung Gottes ist hier zu finden.

In der näheren Betrachtung dieser “fünf Säulen” zeigt sich also, dass Jesus keine genauen Regeln zu verschiedenen religiösen Übungen gelehrt hat, dass er uns aber die Liebe gebracht hat, die jedes religiöse Regelwerk sprengt und uns zur vollkommenen Hingabe an den ewigen Gott im Dienst an den Gläubigen führt, hin zu einem Islam, zu einer wahren Ergebenheit in den Willen Gottes, die uns für alle Ewigkeit mit dem Glück der Gemeinschaft mit unserem Schöpfer erfüllen wird. Der Weg, den Jesus uns gezeigt und gelehrt hat, der Weg, der Jesus selber ist, ist der wahre Islam. Wir laden alle, die sich Muslime nennen, ein, diesen Weg zu gehen, und so die wahre Hingabe zu Gott zu finden und zu leben.

“Und Wir haben vor dir nur Männer gesandt, denen Wir Offenbarungen eingegeben haben. So fragt die Besitzer der Ermahnung, wenn ihr nicht Bescheid wisst.” (Sure 16: An-Nahl 43)

“Zu jener Zeit begann Jesus und sprach:
Ich preise dich Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen
verborgen und es Unmündigen geoffenbart hast. Ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor dir.
Alles ist mir übergeben worden von meinem Vater; und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater,
noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn, und der, dem der Sohn ihn offenbaren will.
Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben.
Nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir! Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig,
und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.”
(Matthäus 11,25-30)

PS: Wenn wir in dieser Abhandlung den Begriff “Christ” verwendet haben, dann sind damit ausschließlich Menschen gemeint, die mit ihrem ganzen Leben den Weg Jesu gehen. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass unsere von Sünden geprägte westliche Konsumgesellschaft auf keinen Fall “christlich” genannt werden darf, und dass auch alle allgemein als “christliche Kirchen” anerkannten Organisationen vom biblischen Christentum weit entfernt sind.


  1. Nach einer von Al-Buhari überlieferten Hadith; zitiert nach: Muhammad Ibn Ahmad Ibn Rassoul, Die fünf Säulen des Islam, 3. Auflage, Köln 1999; ISBN: 3-8217-0189-7, Seite 3; In dieser Hadith werden die vierte und fünfte Säule nicht in der heute üblichen Reihenfolge angeführt. 
  2. Der Begriff „erinnern“ setzt voraus, dass die „Erinnerten“ Augenzeugen Jesu sein mussten. Andere konnte der Geist nicht an die Worte erinnern. Eine Umdeutung dieser Verheißung Jesu auf Muhammad ist dadurch von vornherein ausgeschlossen. 
  3. Im Neuen Testament wird der Begriff „Heiliger“ nicht im römisch-katholischen Sinn verwendet. Im Neuen Testament werden alle Christen als Heilige bezeichnet, weil jeder, der Jesus nachfolgt, sich von ihm heiligen lässt.